Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

In unserer Gesellschaft ist die Ausbeutung und Unterdrückung sogenannter „Nutztiere“ allgegenwärtig. Die Spezies Mensch zieht zwischen sich und nichtmenschlichen Tieren eine Grenze. Die Werke des Malers Hartmut Kiewert thematisieren das Verhältnis zwischen Menschen sowie anderen Tierarten und bieten neue Blickwinkel darauf. Wir haben Hartmut Fragen rund um sein künstlerisches Schaffen und zu seinem neuen Kunstband Animal Utopia gestellt.

boutique vegan:
Könntest Du uns von Deinem Werdegang erzählen? Du hast ein Architekturstudium begonnen und später Malerei und Grafik studiert. Was hat Dich überhaupt dazu bewogen zu Pinsel und Stift zu greifen?

Hartmut Kiewert:
Zum einen habe ich schon als Kind sehr gerne gezeichnet und mein Wunsch Maler zu werden, stand eigentlich schon damals fest.

Zum anderen hatte und habe ich keine Lust auf eine fremdbestimmte Arbeit und wollte irgendwie versuchen so viel Freiraum zu haben, wie unter den naturgesetzlich erscheinenden kapitalistischen Sachzwängen möglich ist.

Natürlich wurde mir empfohlen lieber einen Beruf zu wählen, der auch mit Zeichnen zu tun hat, der aber auch Geld einbringt, wie etwa Design oder Architektur.

Ich begann also zunächst ein Architekturstudium, allerdings schon mit dem Vorsatz, dass wenn es mir nicht gefällt, ich mich auf einen Studienplatz an einer Kunsthochschule bewerben würde. So kam es dann schlussendlich auch.

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(Hartmut Kiewert, „Teppich III“, 2017, Öl auf Leinwand, 160 x 190 cm)

boutique vegan:
Was fasziniert Dich an der Malerei? Warum ist es für Dich ein passendes Ausdrucksmittel Deiner Gedanken?

Hartmut Kiewert:
Das Großartige an der Malerei ist, dass mensch mit relativ einfachen Mitteln, also Farben und Malgrund, die Illusion einer Bildwelt schaffen und damit neue Sichtweisen auf die Welt liefern kann. Besonders haben mich schon immer Maler*innen fasziniert, die mit lockerem Pinselstrich eine unglaublich hohe Lebendigkeit und Präsenz des Dargestellten erzeugen, wie etwa Franz Hals, Diego Velasquez, Max Liebermann, Lucien Freud oder Jenny Saville.

Das Faszinierende ist, dass wenn mensch die Malstruktur von Nahem betrachtet, eigentlich nur abstrakte, informelle Farbmassen zu sehen sind, die sich erst durch eine wenig Abstand zu einem Bildraum verdichten. Da ich wie gesagt schon immer einen Hang zum Zeichnen und Malen hatte, hat sich für mich nie wirklich grundlegend die Frage nach einem anderen Medium gestellt.

boutique vegan:
Könntest Du Dir vorstellen, zukünftig andere Mittel/Methoden auszuprobieren oder längerfristig zu nutzen?

Hartmut Kiewert:
Ich denke immer mal wieder darüber nach auch plastische Objekte herzustellen. Bislang fehlte mir aber noch die entscheidende Inspiration bzw. ein Material was mich unmittelbar angesprochen hat. Außerdem wäre es wahrscheinlich auch schwierig einfach eine Bildidee, die auf einer Leinwand funktionieren könnte dreidimensional umzusetzen, da sie sich ja nicht mehr in ihrem eigenen Bildraum befände, sondern unmittelbar mit dem realen Raum kommunizieren würde. Früher oder später will ich das aber auf jeden Fall ausprobieren.

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(Hartmut Kiewert, „Ruine II”, 2017, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm)

boutique vegan:
Seit wann lebst Du vegan und was hat Dich zu dieser Entscheidung bewogen?

Hartmut Kiewert:
Seit 2001 esse ich keine Tiere mehr und seit 2008 lebe ich konsequent vegan. Die Entscheidung zur vegetarischen Ernährung war schon damals ethisch motiviert und ich ahnte bereits, dass nur vegetarisch zu sein nicht ganz konsequent ist und aus einer radikal emanzipatorischen bzw. herrschaftskritischen Perspektive auch die Herrschaft über nichtmenschliche Tiere zu überwinden ist.

Ich kannte anfangs allerdings niemensch, die*der vegan lebte und auch der Zugang zur veganen Nahrungsvielfalt erschloss sich mir erst nach und nach. Als ich dann 2008 anfing mich intensiv mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinanderzusetzen, konnte ich keine Ausnahmen mehr vor mir rechtfertigen und wurde konsequent vegan.

boutique vegan:
Wie kamst Du dazu das Verhältnis von Menschen zu bzw. zwischen anderen Tierspezies zum Thema Deines künstlerischen Schaffens zu machen?

Hartmut Kiewert:
Während meiner Studienzeit habe ich mich zunehmend mit Anarchismus bzw. Herrschaftskritik beschäftigt und mich auch praktisch an verschiedenen Aktionen beteiligt, etwa gegen Militarismus oder im Rahmen der Umwelt- und Anti-Atombewegung. Irgendwann kam der Punkt an dem ich versuchen wollte auch in meiner Malerei explizit gesellschaftspolitische Fragestellungen anzugehen.

Da mich zum einen das ambivalente Verhältnis zu nichtmenschlichen Tieren schon seit meiner Kindheit beschäftigt und es zum anderen auch schon seit den ersten Höhlenmalereien in der Bildenden Kunst präsent ist, erschien es mir gut geeignet, um es mit den Mitteln der Malerei neu zu verhandeln.

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(Hartmut Kiewert, „Picknick II“, 2015, Öl auf Leinwand, 225 x 180 cm)

boutique vegan:
Welche Schwierigkeiten birgt die klassische (Öl-) Malerei in Bezug auf die Vermeidung tierischer Substanzen und Materialien? Gibt es gute vegane Alternativen?

Hartmut Kiewert:
In vielen traditionellen Maltechniken kommen tierliche Substanzen zum Einsatz. Etwa bei Ei-Öl-Emulsionen oder bei Grundierungen die als Bindemittel Knochen- oder Hautleime beinhalten. Auch viele Pinsel sind aus Tierhaar und nicht vegan. Es gibt aber sehr gute synthetische Alternativen. In Farben  verstecken sich teilweise Pigmente tierlichen Ursprungs, etwa Elfenbeinschwarz oder Karminrot. Es ist allerdings auch kein Problem einfach auf diese Pigmente zu verzichten, zumal sich Schwarztöne auch sehr gut aus Ultramarinblau und gebranntem Umbra anmischen lassen.

boutique vegan:
Deine Bildsprache bzw. die Motive Deiner Multispeziesdarstellungen haben sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Damals hast Du das Tierleid sehr direkt und in seiner ganzen Grausamkeit aufgezeigt. Nun malst Du Utopien in denen verschiedene Tiere (u. a. Rinder, Schweine, Menschen) friedlich zusammenleben. Auch stellst Du zerstörte Tierleidfabriken dar. Wie und warum kam es zu diesem Wandel?

Kannst Du Dir eine weitere so drastische Veränderung Deiner Motivwahl vorstellen? Wenn ja, in welche Richtung könnte diese gehen?

Hartmut Kiewert:
Am Anfang der Beschäftigung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis musste ich erst mal die ganze Grausamkeit dieses Gewaltverhältnisses verarbeiten und wollte mit Bildern, welche die Schnitzel und Würste wieder an die vormaligen Lebewesen rückkoppeln, die Verdrängung der individuellen Tierkörper aus dem Bewusstsein der Menschen durchbrechen.

Mit der Zeit wollte ich aber auch versuchen, zumindest in meinen Bildwelten dieses Gewaltverhältnis aufzubrechen und einen Ausblick auf ein herrschaftsfreies Mensch-Tier-Verhältnis zum Vorschein bringen. Angefangen mit der Verschiebung von sogenannten „Nutztieren“ aus Mastställen in bürgerliche Interieurs und Landschaften in denen Tierausbeutungseinrichtungen schon zu Ruinen geworden sind, über Multispezies-Picknickszenen, bis hin zu urbanen Räumen in denen Menschen und andere Tiere sich auf Augenhöhe begegnen, entfaltete sich dann nach und nach eine Art Post-Tierausbeutungs-Bildwelt. Ich denke, dass sich meine Bildwelt sukzessive weiter entwickeln wird, ob es nochmal zu einem ähnlich starken Wandel der Motivik kommt, wird sich zeigen.

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(Hartmut Kiewert, „Bus Stop II”, 2016, Öl auf Leinwand, 160 x 190 cm)

boutique vegan:
Dein neues Buch Animal Utopia zeigt zahlreiche dieser Utopien. Was ist das Besondere an diesem Projekt?

Hartmut Kiewert:
Es ist mein erster großer Katalog, der mit dem wunderbaren Begleittext von Jessica Ullrich auch die erste umfangreiche kunstwissenschaftliche Reflexion und Einordnung meiner künstlerischen Arbeit beinhaltet. Zudem sind alle Texte auch ins Englische übersetzt, so dass sie auch einem internationalen Publikum zugänglich sind. Das Buch ist in Kooperation mit dem in Münster ansässigen und kollektiv organisierten Verlag Compassion Media über Crowdfunding finanziert worden. Es ist also ein gemeinschaftliches Projekt von vielen daran beteiligten Menschen.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmal ganz herzlich bei allen bedanken, die diesen Katalog mit ihrer Unterstützung ermöglicht haben! Insbesondere natürlich bei Jessica Ullrich und Hilal Sezgin für die Texte!

boutique vegan:
Welche Reaktionen lösen Deine Bilder bei den Betrachtenden aus? Lässt sich da eine Tendenz ausmachen? Wie bewertest Du die diese?

Hartmut Kiewert:
Das Feedback das ich bekomme ist meist sehr positiv. Viele berühren die Bilder auf emotionaler Ebene. Manchmal erschließen sich durch die Resonanz auf meine Bilder auch neue Interpretationsebenen, die ich gar nicht intendiert hatte. Etwa wenn die Ruinenlandschaften als postapokalyptische Szenarien einer Welt in der es keine Menschen mehr gibt gelesen werden, oder die Picknickszenen auf eine religiöse Ebene bezogen werden.

Dies hat mich in einem Fall dazu bewogen auch wieder Menschen auf die Bilder zu bringen, da ich nicht denke, dass alles erst gut werden kann, wenn die Menschen verschwunden sind, sondern es durchaus die Möglichkeit gibt, dass wir Menschen die Ausbeutung und Herrschaftsverhältnisse, die Mensch, Tier und Natur verwursten, überwinden können.

Im Fall der Picknick-Szenarien hat mich der Bezug auf religiöse Paradiesvorstellungen dazu gebracht, die Multispeziesdarstellungen in alltägliche, urbane Kontexte zu bringen. Denn ich bin keinesfalls religiös motiviert, sondern sehe Religionen eher als Herrschafts- und Selbstunterdrückungsinstrumente. Die Reaktionen liefern für mich mitunter also hilfreiche Impulse, um meine Bildwelt weiter zu entwickeln.

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(Hartmut Kiewert, „Parkett IV”, 2017, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm)

boutique vegan:
Was wünschst Du Dir von den Betrachtenden? Zu was möchtest Du sie inspirieren?

Hartmut Kiewert:
Ich möchte Menschen erreichen, die sich sonst noch nicht kritisch mit Tierausbeutung auseinander gesetzt haben und sie sensibilisieren. Auf der anderen Seite freue ich mich natürlich auch, wenn die Bilder den Menschen, die schon für die Befreiung der Tiere kämpfen, durch den Vorschein des Erfolgs dieser Bewegung Hoffnung geben.

boutique vegan:
Was inspiriert Dich im Allgemeinen?

Hartmut Kiewert:
Natürlich gute Malerei. Aber auch alltägliche Beobachtungen und theoretische Reflexionen über das Mensch-Tier-Verhältnis und andere gesellschaftspolitische Diskurse. Des Weiteren auf jeden Fall das Malen auf Lebenshöfen, wie Hof Butenland, dem Land der Tiere oder bei Hilal Sezgin.

Den vor der Schlachtung geretteten Tieren unmittelbar zu begegnen, ist toll und durch ihre Bewegungen zu einem sehr schnellen Malen gezwungen zu sein eine Herausforderung, die mich zu einem freieren Malgestus führt, dessen Frische sich auch hoffentlich nach und nach in den im Atelier gemalten Bildern niederschlägt.

boutique vegan:
Welche besonders positiven Momente oder Erfahrungen konntest Du durch Dein Schaffen erleben?

Hartmut Kiewert:
Das Schöne am Malprozess ist, dass mensch unmittelbar das Ergebnis seines*ihres Schaffens vor Augen hat. Wenn dies gut gelingt sind das immer sehr wunderbare Momente. Das gleiche gilt für positives Feedback.

boutique vegan:
Welche 5 Tipps hast Du für diejenigen, die ebenfalls Kunst schaffen wollen (privat oder professionell)?

Hartmut Kiewert:
Mir fällt nur ein Tipp ein: möglichst eigensinnig sein, also den eigenen Einfällen, Ideen und Ansprüchen leidenschaftlich und intensiv folgen.

boutique vegan:
Was wünschst Du Dir für die Zukunft der Kunst, die das Verhältnis menschlicher und nichtmenschlicher Tiere thematisiert?

Hartmut Kiewert:
Dass sie mehr Beachtung findet und insbesondere in der Kunstwelt ernster genommen wird und damit zu einem positiven Wandel des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses beiträgt.

 

Wir danken Hartmut für dieses Interview!

 

Hartmut Kiewerts Website:
https://hartmutkiewert.de

Im Text erwähnt:
Jessica Ullrich, Compassion Media, Hilal Sezgin, Hof Butenland, Land der Tiere

Hartmuts Buch „Animal Utopia“ bei boutique vegan

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